PeBeM 2026: Zwischen Pflegebedarf, Personalmangel und Arbeitsorganisation

Die Debatte um die Personalbemessung in der Pflege entwickelt sich zur Grundsatzfrage: Wird der Pflegebedarf an den Fachkräftemangel angepasst – oder liegt die Zukunft in einer neuen Arbeitsorganisation?

Die Diskussion um die Personalbemessung in der Pflege hat mit der Bundestagsdrucksache 21/6180 neuen Schwung erhalten. Während die Bundesregierung derzeit keine weitere Anhebung der Personalanhaltswerte vorsieht, warnen Berufsverbände, Pflegeexperten und Praktiker davor, den wissenschaftlich ermittelten Pflegebedarf an die Realität des Arbeitsmarktes anzupassen.

Gleichzeitig zeigen Modellprojekte des GKV-Spitzenverbandes, dass die Zukunft der Personalbemessung möglicherweise nicht allein in zusätzlichen Stellen liegt. Begriffe wie Kompetenzmanagement, Qualifikationsmix, KubA und Arbeitsorganisation rücken zunehmend in den Mittelpunkt.

Damit entsteht eine Debatte rund um die PeBeM 2026, die weit über Personalschlüssel hinausgeht. Es geht um Pflegebedarf, Personalmangel, Personalbemessung und die Frage, wie Pflege unter den tatsächlichen Bedingungen der kommenden Jahre organisiert werden kann.

Was PeBeM ursprünglich leisten sollte

Mit der Einführung der Personalbemessung nach § 113c SGB XI sollte die stationäre Altenpflege stärker am tatsächlichen Unterstützungsbedarf der Bewohnerinnen und Bewohner ausgerichtet werden.

Erstmals lag ein wissenschaftlich entwickeltes Verfahren vor, das systematisch ermitteln sollte, wie viel Personal für eine bedarfsgerechte Versorgung erforderlich ist.

Die Grundidee war einfach:

Nicht historische Personalschlüssel oder politische Kompromisse sollten die Personalplanung bestimmen, sondern der tatsächliche Pflegebedarf.

Für viele Einrichtungen bedeutete dies die Aussicht auf zusätzliche Stellen, insbesondere im Bereich der Assistenz- und Hilfskräfte.

Die Personalbemessung sollte damit einen Paradigmenwechsel einleiten: weg von historisch gewachsenen Strukturen, hin zu einer bedarfsorientierten Versorgung.

Personalmangel trifft auf Personalbemessung

Drei Jahre nach Einführung von PeBeM zeigt sich jedoch ein Spannungsfeld, das viele Praktiker bereits erwartet hatten.

Zwar können Einrichtungen zusätzliche Stellen vereinbaren und refinanzieren lassen, doch vielerorts fehlen die Menschen, um diese Stellen tatsächlich zu besetzen.

Genau auf diese Problematik verweist die Bundesregierung aktuell.

Die zentrale Argumentation lautet:

Wenn bestimmte Personalgruppen am Arbeitsmarkt nicht ausreichend verfügbar sind, können höhere Personalanhaltswerte allein das Problem nicht lösen.

Aus dieser Perspektive erscheint es nachvollziehbar, die weitere Anhebung von Personalanhaltswerten zunächst auszusetzen.

Doch genau hier beginnt die Kontroverse.

PeBeM 2026: Wird der Pflegebedarf an den Fachkräftemangel angepasst?

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), das Pflegebündnis Mittelbaden sowie verschiedene Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten kritisieren diese Sichtweise deutlich.

Ihr Kernargument lautet:

Pflegebedarf verschwindet nicht, weil Personal fehlt.

Diese Aussage trifft einen zentralen Punkt der aktuellen Debatte.

Der Unterstützungsbedarf pflegebedürftiger Menschen verändert sich nicht dadurch, dass Stellen unbesetzt bleiben. Auch Menschen mit Demenz benötigen weiterhin Betreuung. Auch palliative Situationen benötigen Zeit. Auch Angehörige benötigen Beratung und Begleitung.

Wird der wissenschaftlich ermittelte Pflegebedarf aufgrund fehlender Personalverfügbarkeit reduziert, entsteht die Gefahr, dass nicht mehr der tatsächliche Bedarf die Grundlage bildet, sondern die aktuelle Mangelsituation.

Genau diese Sorge äußern verschiedene Fachvertreter.

Sie warnen davor, dass sich die Diskussion schrittweise von der Frage entfernt, welche Versorgung pflegebedürftige Menschen tatsächlich benötigen.

Die Sicht der Bundesregierung und der Kostenträger

Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Gegenargumente auszublenden. Auch die Bundesregierung verweist auf reale Herausforderungen.

Pflegeeinrichtungen berichten seit Jahren über Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen.

Der Wettbewerb um qualifiziertes Personal nimmt zu.

Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich.

Aus Sicht der Politik stellt sich daher die Frage:

Welche Personalanforderungen sind tatsächlich umsetzbar?

Genau an dieser Stelle entsteht der Konflikt zwischen wissenschaftlich ermitteltem Bedarf und tatsächlicher Verfügbarkeit.

Beide Perspektiven enthalten nachvollziehbare Argumente.

Und genau deshalb wird die Debatte zunehmend kontrovers geführt.

Eine Debatte mit mehreren Perspektiven

Bemerkenswert ist, dass inzwischen verschiedene Akteure dieselben Entwicklungen sehr unterschiedlich bewerten.

Die Bundesregierung betrachtet vor allem die Umsetzbarkeit.

Der bpa verweist auf die schwierige Personalgewinnung und die fehlende Verfügbarkeit von Assistenzkräften.

Der DBfK betont den wissenschaftlich ermittelten Bedarf.

Pflegeexperten warnen vor einer schleichenden Anpassung des Bedarfs an bestehende Engpässe.

Die Einrichtungen vor Ort wiederum kämpfen täglich mit Dienstplänen, Krankheitsausfällen und kurzfristigen Besetzungsproblemen.

Alle sprechen über dasselbe System.

Aber nicht immer über dieselbe Fragestellung.

Deshalb wirken viele Aussagen auf den ersten Blick widersprüchlich.

Tatsächlich beschreiben sie häufig unterschiedliche Teile derselben Realität.

Warum die Praxis längst über Personalschlüssel hinausdenkt

Während Politik und Verbände über Personalzahlen diskutieren, beschäftigen sich viele Einrichtungen bereits mit ganz anderen Themen.

Das zeigt unter anderem das Projekt „Gute Arbeitsbedingungen in der Pflege“ (GAP).

Dort stehen unter anderem folgende Themen im Mittelpunkt:

  • Dienstplanung
  • Kommunikationsstrukturen
  • Informationsflüsse
  • Aufgabenverteilung
  • Rollenklärung
  • Qualifikationsmix
  • Ausfallmanagement

Auffällig ist dabei:

Die Einrichtungen arbeiten häufig nicht zuerst an Personalschlüsseln.

Sie arbeiten an Organisation.

Diese Beobachtung deckt sich mit zahlreichen anderen Projekten und Initiativen innerhalb der Pflegebranche.

KubA: Warum Arbeitsorganisation zum Schlüssel von PeBeM werden könnte

Besonders interessant sind die Erkenntnisse aus dem Modellprogramm zur Personalbemessung des GKV-Spitzenverbandes.

Im Rahmen des Programms wurde ein Konzept entwickelt, das bislang außerhalb von Fachkreisen nur wenig Aufmerksamkeit erhält:

KubA – Kompetenz- und bewohnendenorientierte Arbeitsorganisation.

Der Gedanke dahinter:

Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen sollen die Aufgaben übernehmen, für die sie ausgebildet und geeignet sind.

Pflegefachpersonen übernehmen Fachaufgaben.

Assistenzkräfte übernehmen Aufgaben entsprechend ihrer Qualifikation.

Hilfskräfte unterstützen dort, wo dies sinnvoll und fachlich vertretbar ist.

Das klingt zunächst selbstverständlich.

In der Praxis bedeutet dies jedoch häufig tiefgreifende Veränderungen bestehender Arbeitsabläufe.

Arbeitsorganisation statt zusätzlicher Stellen?

Eine der spannendsten Erkenntnisse aus dem Modellprogramm lautet:

Mehr Personal allein führt nicht automatisch zu besserer Pflege.

Diese Aussage bedeutet nicht, dass zusätzlicher Personalbedarf irrelevant wäre.

Sie bedeutet vielmehr, dass die Arbeitsorganisation ebenfalls eine zentrale Rolle spielt.

Im Interview zum Modellprogramm betont Dr. Antje Schwinger vom GKV-Spitzenverband, dass Kompetenzorientierung die Pflegequalität und die Arbeitszufriedenheit verbessern könne.

Dafür müssten Rollen und Aufgaben neu betrachtet und teilweise neu verteilt werden.

Genau hier entsteht eine dritte Perspektive in der aktuellen Debatte.

Während einige Akteure über Bedarf sprechen und andere über Verfügbarkeit, rückt nun die Frage in den Mittelpunkt:

Wie werden vorhandene Kompetenzen eigentlich eingesetzt?

Die eigentliche Herausforderung beginnt jetzt

Mit dem Abschluss der ersten Modellprogramme verändert sich die Diskussion.

Die Übergangsphase der Einführung ist weitgehend vorbei.

Es liegen erste Praxiserfahrungen vor.

Es gibt wissenschaftliche Evaluationen.

Es existieren Schulungskonzepte, Implementationsleitfäden und Handlungsempfehlungen.

Damit verschiebt sich die Debatte.

Nicht mehr die Frage, ob PeBeM umgesetzt werden soll, steht im Mittelpunkt.

Sondern die Frage:

Wie gelingt die Umsetzung unter realen Bedingungen?

Genau hier treffen Pflegebedarf, Personalmangel und Arbeitsorganisation aufeinander.

Warum keine Einrichtung der anderen gleicht

Ein weiterer wichtiger Punkt wird in der Diskussion häufig übersehen.

Keine Einrichtung ist wie die andere.

Ein kleines Pflegeheim mit stabilen Teams und geringem Krankenstand steht vor anderen Herausforderungen als eine große Einrichtung mit hoher Fluktuation.

Ein Haus mit hohem Demenzanteil benötigt andere Strukturen als eine Einrichtung mit starkem Palliativschwerpunkt.

Deshalb gibt es keine universelle Lösung. Genau dies wird auch im KubA-Konzept ausdrücklich berücksichtigt.

Die Arbeitsorganisation soll an die jeweiligen Besonderheiten einer Einrichtung angepasst werden.

Das macht deutlich:

PeBeM ist kein starres System.

Es eröffnet vielmehr einen Rahmen, innerhalb dessen individuelle Lösungen entwickelt werden können.

Die eigentliche PeBeM-Debatte beginnt erst jetzt

Die aktuelle Diskussion um PeBeM 2026 wird häufig auf Personalanhaltswerte und zusätzliche Stellen reduziert.

Tatsächlich zeigt sich jedoch ein deutlich komplexeres Bild.

Die Bundestagsdrucksache 21/6180, die Positionen von Bundesregierung, bpa, DBfK und Pflegeexperten sowie die Ergebnisse aus KubA, GAP und dem GKV-Modellprogramm verweisen auf dieselbe Herausforderung:

Pflegebedarf, Personalmangel und Arbeitsorganisation müssen gemeinsam betrachtet werden.

Während die politische Debatte weiterhin um Personalverfügbarkeit und Finanzierung kreist, beschäftigen sich viele Einrichtungen bereits mit einer anderen Frage:

Wie können vorhandene Kompetenzen so organisiert werden, dass Pflegebedürftige die bestmögliche Versorgung erhalten?

Genau deshalb könnte die Zukunft von PeBeM weniger in neuen Personalschlüsseln liegen als in einer professionellen Arbeitsorganisation, einem funktionierenden Qualifikationsmix und dem gezielten Einsatz vorhandener Kompetenzen.

Fazit

Die aktuelle PeBeM 2026 Debatte wird häufig auf die Frage reduziert, ob Personalanhaltswerte steigen oder eingefroren werden sollen.

Tatsächlich geht es um weit mehr.

Es geht um die Balance zwischen wissenschaftlich ermitteltem Pflegebedarf, personeller Realität und wirtschaftlicher Umsetzbarkeit.

Es geht um die Frage, wie Pflege künftig organisiert werden soll.

Und es geht um die Herausforderung, bereits heute tragfähige Lösungen für Einrichtungen, Mitarbeitende und Pflegebedürftige zu entwickeln.

Die Diskussion über Pflegebedarf wird weitergehen.

Die Diskussion über Finanzierung wird weitergehen.

Die Diskussion über Personalverfügbarkeit wird weitergehen.

Für die Menschen in den Einrichtungen stellt sich jedoch bereits heute eine andere Frage:

Wie können die vorhandenen Ressourcen so eingesetzt werden, dass Pflegebedürftige die bestmögliche Versorgung erhalten?

Vielleicht liegt genau dort die eigentliche Zukunft von PeBeM – nicht allein in neuen Personalschlüsseln, sondern in einer neuen Art, Pflege zu organisieren.

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